
Vor ein paar Stunden hat sich mein Onkel suizidiert und ich bin ob der Umstände sehr betroffen.
Keiner Religionsgruppierung angehörend, daher keine Meinung zum Thema Suizid haben müssend, möchte ich mal hier laut nachdenken.
Das Leben meines Onkels kenne ich nicht. Lediglich ein paar Eckdaten, Erzählungen aus dritter Hand von meiner Mutter, die wiederum alles von ihrer Schwester, meines Onkels Ex-Frau weiß.
Mein Onkel war krank, sehr krank und er wollte nicht mehr. Die Aussicht im Pflegeheim zu landen (obwohl das nie zur Diskussion stand), bewog ihn, seine letzten Kräfte zu sammeln und seinem Leben ein Ende zu setzen. Er wollte niemanden zu Last fallen. Auch wenn diese Handlung aus Depression und im Affekt geschehen sein mag, ich kann nicht anders (und das ist wirklich ohne einer Spur von Zynismus) als meinem Onkel Respekt dafür auszusprechen. Wenn die realen Möglichkeiten auf nur sehr wenige Alternativen schrumpfen und keine davon attraktiv ist, dann gehört nicht nur viel Verzweiflung und Zorn, sondern auch eine gehörige Portion Mut dazu, so eine klare, nicht wieder rückgängig zu machende Entscheidung zu fällen. Ich kann beide Seiten sehen: Die große Hoffnungslosigkeit, verursacht durch seine Erkrankung und die erlittenen Schicksalsschläge, die mich sehr betroffen macht, aber auch den Mut und die Stärke eines Mannes, der selbstbestimmt selbst bestimmt, wann und wie er diese Erde verlässt.
Der Anlass lässt mich auch über meine Beziehungen zu den verbliebenen Familienmitgliedern nachdenken, mit denen ich alles andere als glücklich bin. Viel zu oft gibt es Schadenfreude statt Anteilnahme und Abwertung statt Freude an der Vielfalt. Es scheint als säße bei unseren Familientreffen lauter Menschen um den Tisch, die ihre wahren Gefühle glauben verstecken zu müssen, damit keiner erkennt, dass sie auch nur mit Wasser kochen… Und dass keiner alt, krank und hilflos sein möchte, ist auch leicht nach zu vollziehen, weil dann müsste man sich ja eingestehen, dass man den anderen braucht … und dass dieser die Macht hat, einen ordentlich zu verletzten….
Nun, meinem Onkel wünsche ich auf der letzten Reise alles Gute. Möge er das finden, woran er Zeit seines Lebens geglaubt hat.