Gestern wurde ich Zeugin einer Positionierung. Der Verein, für den ich arbeite, wächst und wird älter und zu diesem Anlass wollte man groß feiern. Vor allem, weil den Oberen ein Coup gelungen ist, der wirklich feierungswürdig war. Eine meiner besten Freundinnen machte das Eventmanagement und plante eine unglaublich sensible und schöne Veranstaltung. KünstlerInnen sollten mit PsychotherapeutInnen gemeinsam Workshops abhalten, in denen die Menschen wieder sinnlich und lustvoll mit sich selbst und mit verschiedenen Ausdrucksmitteln experimentieren lernen können; Das Thema Genuss, Sinnlichkeit, Lebensfreude, das Ziel eine Horizonterweiterung. Das Buffet wurde dem entsprechend von Art-Catering gestaltet.
Schon während der Vorbereitungen hatte ich das Gefühl, das gesamte Leitungsteam ist innerlich vom Konzept abgesprungen. Aus einer edlen Veranstaltung wurde ein mittelmäßiger Heurigenbesuch. Den qualitativ hochwertigen KünstlerInnen: Bob Curtis, Andrea Schrammeck, Martin Krammer – wurden abgesagt dafür trat eine Kellerband auf, in der einer des Leitungsteams Percussion spielte und der Sänger so schlecht war, dass er es selbst in die Leider-Nein-Einspielungen von Starmania nicht geschafft hätte.
Wahre Kunst wurde also durch etwas ersetzt, das ohne jedem Niveau war.
Ich könnte jetzt lange über die innere Zerrissenheit des Vereins reüssieren, dass wir wachsen ohne die nötigen Strukturen und wir krampfhaft am Rockzipfel der Vergangenheit hängen, obwohl diese den Rock schon längst abgestreift hat (und mit ihr auch die Freude an studentischen Sauf-Partys). Darum geht?s mir aber in Wirklichkeit nicht (so sehr).
Ich frag mich grad, welchen Stellenwert Kunst hat in unserer Gesellschaft. Ich meine Malen, ein Heimvideo drehen, Töpfern, Schnitzen, Computergrafiken erstellen, das kann heute, fast jeder? und darüber hinaus?
Wie oft höre ich, wenn ich sage, ich studiere Keramik, dass jemand auch töpfert und erst letztens, an der Volkshochschule einen ganz passablen Aschenbecher gemacht hat?
Es ist schön, wenn Menschen kreativ sind und sich selbst verwirklichen. Kunstschaffen ist aber etwas Anderes. KünstlerIn sein ist ein Beruf, mit Qualitätsstandards, mit Bezahlung, mit Wettbewerben und Konkurrenz, der viel Zeit in Anspruch nimmt, körperlich und geistig extrem fordernd ist und einen schneller in das burn-out führen kann, als die meisten sozialen Berufe. Dazu gibt es kein klares Stellenprofil, ja noch nicht einmal einen Stellenmarkt. KünstlerInnen müssen sich selbst erfinden, ihre Nischen schaffen und schauen, dass sie sich verkaufen können. Sie sind sinnliche Menschen, arbeiten dennoch phasenweise 15-20 Stunden am Stück oder Tage durch, sind Netzwerker und Improvisationstalente.
Das, was gestern bei der Feier über blieb, ist ein Affront gegen alle (anwesenden) KünstlerInnen.






